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Mit Digitalisierung zu mehr Gerechtigkeit

September 27, 2022
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An 3 Tagen standen soziale Kompetenzen und technisches Knowhow im Fokus des Hackathon des CTS und der Arbeiterkammer. Ziel: Digitale Gerechtigkeit.

Vom 23. bis 25. September 2022 fand im TUtheSky am TU Wien Campus Getreidemarkt der „Hackathon der Vielen“ statt. Dieser wurde von der Arbeiterkammer Wien (AK) und dem Center for Technology and Society (CTS) veranstaltet. Warum Hackathon der Vielen? Beim Hackathon geht es um die Interessen der Vielen: es geht um alle aktuell arbeitenden Menschen und um jene, die vor dem Berufseinstieg stehen. Es geht um eine fortschrittliche, aktivistische, solidarische Technologie-Entwicklung von unten. Um nichts anderes als digitale Gerechtigkeit.

Astrid Schöggl (AK) führt aus: „Wir vertreten als AK die Interessen aller Beschäftigten in Österreich. Digitalisierung bringt zwar Chancen, hat aber auch Schattenseiten. Der Ansatz für den Hackathon war deshalb, Expert_innen aus der Arbeitswelt mit Studierenden zusammenzubringen und gemeinsam neue Ansätze zu finden, um durch Digitalisierung wirklich für Vorteile uns, die Vielen zu schaffen.“

„Für diesen interdisziplinären Ansatz ist das CTS der ideale Ansprechpartner. Als Kooperation von vier Universitäten und Fachhochschulen konnten wir diese Expertise und die Koordination von motivierten Studierenden einbringen und so den Grundstock für diverse Hackathon-Gruppen liefern. Die Ergebnisse zeigen ja deutlich, dass aus der Kombination unterschiedlicher Blickwinkel, gepaart mit technischem Know-how Großartiges entstehen kann“, ergänzt Anna Franzkowiak vom CTS.

Die Hackathon-Challenges

Gelöst werden sollten reale Herausforderungen, die von Betriebsrät_innen, Vereinen, Initiativen und Aktivist_innen eingebracht wurden. Bearbeitet wurden folgende Aufgaben:

  • Bürger_innen-Initiativen zu umweltfreundlicher Mobilität vernetzen
  • Eine Straßenzeitung in Pandemie und digitalem Zeitalter?
  • Digitales Storytelling für Klimagerechtigkeit
  • Selbstorganisierung von Menschen mit Armuts- und Ausgrenzungserfahrungen
  • Organisierung un(ter)dokumentierter Paketzusteller_innen
  • Betriebsrat: Organisierung im Homeoffice

Jury & Preisträger:innen

Gemeinsam mit Studierenden technischer Studien wurden an nur einem Wochenende Lösungsansätze, Prototypen und Mock-ups entwickelt. Die Fachjury

  • Sabrina Burtscher, Aktivistin und Studentin Media and Human Centred Computing, TU Wien
  • Jörg Flecker, Professor für Soziologie, Schwerpunkte Arbeit, Digitalisierung, Jugend, Universität Wien
  • Sylvia Geyer, Rektorin FH Technikum
  • Alexandra Negoescu, Wissenschaftliche Programmleiterin, TU Wien Innovation Incubation Center
  • Sabine Nuss, Autorin, u.a. “Marx und die Roboter”, “Keine Enteignung ist auch keine Lösung”

prämierte Projekte in den drei Kategorien:

Die funktionalste Anwendung

  • Augustin – Taking back the streets | Eine Straßenzeitung in Pandemie und digitalem Zeitalter?

Die innovativste Idee

  • Anpacken | Organisierung un(ter)dokumentierter Paketzusteller_innen

Die gesellschaftlich wertvollste Lösung

  • radar – Raus aus der Armut | Selbstorganisierung von Menschen mit Armuts- und Ausgrenzungserfahrungen

Zusätzlich wurden Ehrenpreise vergeben:

  • Beste Präsentation: BRuzzer | Betriebsrat: Organisierung im Homeoffice
  • Bestes Mock-Up: BI-BIP | Bürger_innen-Initiativen zu umweltfreundlicher Mobilität vernetzen
  • Bester Call to Action: Toolbox aus der Hoffnungslosigkeit | Digitales Storytelling für Klimagerechtigkeit

Die Gewinnerprojekte des Hackathons erhielten jeweils 1.000 Euro. Die Preisübergabe übernahmen Arbeiterkammer-Präsidentin Renate Anderl und TU Wien-Rektorin Sabine Seidler.

„Es freut mich zu sehen, wie groß das Innovationspotenzial beim Hackathon war. Unser Motto ´Technik für Menschen´ wird hier greifbar und zeigt anschaulich, wie die Kombination fachlicher Kompetenz, Erfahrung und sozialer Verantwortung zur positiven Entwicklung unseres Alltags beitragen kann“, so Sabine Seidler.

Renate Anderl ergänzt: „Nur wenn wir alle aktiv an der Gestaltung unserer Zukunft mitwirken, können wir die Chance nutzen diese auch für alle gerecht zu gestalten. Der Hackathon war eine wunderbare Gelegenheit Menschen an einen Tisch zu bringen, die sich im Alltag nicht zwingend über den Weg laufen. Es freut mich, dass Fairness unbestrittene gemeinsame Basis für die Zusammenarbeit in den Projektgruppen war.“

Die präsentierten Ideen haben jedenfalls den Anspruch auch umgesetzt zu werden. Das ist auch im Interesse der Veranstalter, weshalb alle teilnehmenden Gruppen die Möglichkeit haben ihre Lösung beim AK Digifonds einzureichen und so eine Anschubfinanzierung von bis zu 200.000 EUR zu erhalten.

Weitere Informationen

Photo-Gallerie

EFA 2022

August 31, 2022
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Im Video-Rückblick kommen die Speaker:innen und Teilnehmer:innen an der CTS Content Session zu Wort und beschreiben ihre Takeaways.

Wie Mensch und Technologie zusammenwachsen

August 26, 2022
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Unter dem Titel „Die (R)evolution sozio-technischer Hybride“ luden die drei österreichischen technischen Universitäten TU Wien, TU Graz und Montanuniversität Leoben im Verbund der TU Austria zur Diskussion von Lösungsansätzen humanistischer Technologieentwicklung.

Im Rahmen der laufenden TEC Days organisierte das Center for Technology & Society (CTS) die TU Austria Content Session bei Europäischen Forum Alpbach. Thema am Freitagvormittag war die zunehmende Verschmelzung von Mensch und Technologien kritisch aus unterschiedlichen Perspektiven zu beleuchten, Lösungsansätze zu diskutieren und Strategien für die Gestaltung der unumgänglichen (R)evolution der sozio-technischen Hybride zu erarbeiten.

Die fortschreitende Digitalisierung der Gesellschaft bedingt eine zunehmende Verschmelzung von Mensch und Technologien. Dadurch entstehen sozio-technische Hybride, die eine kritische Auseinandersetzung notwendig machen. Die Herausforderung besteht darin zukünftige technologische Innovationen zur Lösung globaler Probleme einzusetzen, ohne dabei den Menschen selbst aus dem Fokus zu verlieren. Technologien wie Artificial Intelligence, Big Data und algorithmische Entscheidungsfindung bis hin zu konkreten Anwendungen wie autonomem Fahren, der Smart City und der Digitalisierung der Verwaltung haben enormes Potential. Um dieses jedoch sicher, nachhaltig, gerecht und wertebasiert zu nutzen, braucht es transdisziplinäre und branchenübergreifende Diskurse.

Die Welt aus Bits und Bytes

Ben Wagner, Leiter des AI Futures Lab der TU Delft, eröffnete die Session mit seiner Keynote „Der Boden unter unseren Füßen?“. Er betonte darin, dass wir bereits in einer Welt soziotechnischer Hybride leben und keine andere Wahl haben, als uns mit diesen Hybriden auseinanderzusetzen. Fragen von Macht, Regulierung und menschlicher Autorität werden direkt von soziotechnischen Systemen beeinflusst, die nur bedingt neutral sind. Digitale Informationen scheinen objektiv, sind das aber oft nicht bzw. haben einen oft nicht direkt erkennbaren politischen Hintergrund. Um Gesellschaften erfolgreich zu entwickeln, gilt es diese Systeme menschlicher zu machen, das politische Element dieser Systeme zurückzugewinnen und als Gesellschaft zu reagieren.

Wünschenswerte technologische Zukunft

Daran knüpfte auch der Talk mit Christopher Frauenberger von der Paris Lodron Universität Salzburg an. Technologie hat längst großen Einfluss auf die Gesellschaft und trägt zu deren weiterer Transformation bei. Technologie hat schon immer die Machtverhältnisse unterstützt, wobei sie nicht gut oder böse ist, jedenfalls aber nicht neutral. Damit ist technologische Innovation auch Teil der politischen Arena und muss demokratisch, ebenso aber ökologisch gesteuert werden, um Systeme über rein menschliche Bedürfnisse hinaus zu schaffen und eine erstrebenswerte Zukunft zu ermöglichen.

Arbeiterkammer-Expertin Astrid Schöggl bestätigte die politische Relevanz von Technologien und betonte, dass sich vor allem die Frage stellt, wer diese Rahmenbedingungen schafft. Digitalisierung führt zu Phänomenen wie der „dislozierten Arbeiter_innenklasse“. Arbeitnehmer_innen sind also weltweit verstreut und haben dadurch wenig Möglichkeit, sich zu organisieren und vernetzen. Auch Algorithmen, die bspw. Streiks voraussagen, wollen sind kritisch zu betrachten bzw. stellt sich die Frage, wie ein klassischer Streik im digitalen Umfeld aussehen kann.

Lets talk about …

Die Frage zur Entwicklung von Gesellschaft, Technologie und der gegenseitigen Beeinflussung, ebenso wie die Frage wie individuell und kollektiv Widerstand in einer digitalisierten Umwelt funktionieren kann, bedingt eine multidisziplinäre Diskussion. So war auch das Podium der abschließenden Diskussionsrunde mit Vertreter_innen aus Wissenschaft, Verwaltung, Industrie und Wirtschaft besetzt. Henriette Spyra (Bundesministerium Klimaschutz, Umwelt, Energie, Mobilität, Innovation und Technologie), Petra Schaper-Rinkel (Universität Graz), Roland Sommer (Verein Industrie 4.0) und Hilda Tellioğlu (CTS) diskutierten moderiert von Anna Franzkowiak (CTS) mit dem Publikum mögliche Szenarien und Ansätze, wie Innovation, Verwaltung, Industrie und Wirtschaft zur gesellschaftlichen Entwicklung beitragen können und wie Technologien hierfür eingesetzt werden sollen. Das Podium kam zur gemeinsamen Ansicht, dass passende Prozesse definiert und laufend weiterentwickelt werden müssen, die den Zweck und nicht die Mittel im Fokus haben. Wesentlich dabei ist die Zusammenarbeit der verschiedenen Bereiche, der Austausch zu Bedürfnissen und Wünschen, um ein Bewusstsein zu schaffen, dass zur technologischen Entwicklung immer und von Beginn an die Auseinandersetzung mit den möglichen Konsequenzen gehört. Aktiv werden muss den jede/r Einzelne, auch wenn Strukturen und Systeme das nicht immer leicht machen. Wesentlich somit die Schaffung eines Mindsets, dass akute Problemlösung und langfristige Entwicklung erlaubt.

„Für die Menschen der Zukunft“

Oft wird progressive Technologieentwicklung technikorientiert bzw. technikfokussiert durchgeführt, um große Sprünge in der Innovation zu schaffen. Solche techno-deterministischen Zugänge zur Lösung sozialer Probleme greifen nachweislich zu kurz und tragen die Gefahr in sich, Technologien an der Gesellschaft vorbeizuentwickeln. Ein rein passives Verständnis von Technik als emergentes Phänomen eines gesellschaftlichen Wandels steht wiederum einer aktiven Innovationspolitik und -strategie im Wege. Der Kern eines richtungsweisenden, humanistischen Ansatzes zur Entwicklung intelligenter und sozial verträglicher Technologien muss also vielmehr ein holistischer Zugang zu Innovationsentwicklung von und für sozio-technische Hybride sein. Was bleibt ist die Frage: Wer wollen wir sein und welche Technologien brauchen wir, um diese Visionen auch tatsächlich gemeinsam umzusetzen.

RRI und Interdisziplinarität

July 15, 2022
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Als Gewinner der Idea-Competition des Co-Change Projekts mit unserem Projekt „DEBIAS - Digitally Eliminating Bias In Applicant Selection“ durfte ich kürzlich Tecnalia in Bilbao, Spanien besuchen.

Der folgende Blogpost ist vorerst nur auf Englisch verfügbar:

The CTS/C!S Project „DEBIAS - Digitally Eliminating Bias In Applicant Selection“ placed first in the idea competition hosted by the Co-Change Project. Representing the CTS, I was fortunate to visit Tecnalia - one of the consortial partners in the Co-Change Project in Bilbao, Spain for a one-day workshop and guided tour. The visit was focused on an exchange of ideas on Responsible Research and Innovation (RRI) and interdisciplinarity in technology development, and to gain insights into Tecnalia’s RRI-related activities and organisational transformations.

Just a short bus ride from Bilbao’s city center with some beautiful vistas of the Basque Country brings me to Tecnalia’s headquarters, where I’m greeted by Antonia Bierwirth and Ezekiela Arrizabalaga Salegi. We take a sip of our coffees, and dive right in on what would become the defining question of the day:

How can we communicate and introduce the value and importance of interdisciplinarity for RRI to technology researchers and innovators?

The CTS and Tecnalia’s Change Lab face similar challenges: An organisation’s committments to ethical, sustainable, inclusive and responsible research and innovation are often contrasted by a less-than-enthusiastic response by its practitioners. Too often, the integration of RRI principles into practice is seen—at best—as a nuisance, or at worst, as slowing the pace for innovation. As a result, many research projects yield questionable results that may raise concerns over potential discrimination, or create technologies ripe for misuse.

Tecnalia’s commitment to integrate RRI principles in an attempt to bridge this gap resonates well with the CTS’s approach to introduce and enforce interdiscplinary exchange between technology and natural sciences on the one hand, and the social sciences on the other. In my presentation, I discuss the dangers of techno-deterministic views of real-world problems and solutions, and present the DEBIAS project as a counterexample of human-centric, participatory technology design to address the problem of bias in recruiting: instead of trying to replace biased human decision-making with (differently biased) automated decision making or AI/ML technologies, the DEBIAS tool empowers humans to overcome their own bias and supports their decision making through comparatively simple technological measures.

Tecnalia’s research and development activities are rife with opportunities to take similar approaches. As I get to visit the Quantum Lab and the Sustainable Mobility Lab and talk with the researchers, their past and current projects offer both fascinating insights and many starting points for a critical discussion on the ethical dimensions of their research. Constant, however, remains a reluctance to concede that ethical concerns could be relevant for their research, or that there may be a need to integrate interdisciplinary, social science perspectives into their work.

As I keep discussing and chatting with my gracious hosts, the core challenge we face emerges more clearly: To change people’s minds, guidelines and letters of committment won’t be enough. RRI needs more concrete, positive value propositions to incentivize practitioners - because the current, opposite approach of dissuasion and deterrence of ethically questionable research will not foster the kind of open-minded, interdisciplinary exchange necessary to make RRI principles a broadly applied standard.

I would like to express my heartfelt thanks to my gracious hosts, Antonia and Ezekelia, and to Tecnalia for this exciting opportunity for scientific exchange and discussion! (fc)